Generationenkonflikt und Klimakrise/Risikowahrnehmung

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Erste Studien und Theorien zur Risikowahrnehmung wurden in der kognitiven Psychologie bzw. der Psychologie der Informationsverarbeitung entwickelt. Bis heute findt man vor allem in Lehrbüchern aus diesen Bereichen auch Einführungen zur Risikowahrnehmung. Wichtige (empirisch fundierte) Annahme, die in entsprechende Theorien einfleißt, ist dass Menschen Informationen vereinfachen nicht vollkommen rational Informationen verarbieten. sie nutzen dabei Heuristiken (i.e. Faustregeln) umd Information zu strukturieren und zu vereinfachen, was zu systematischen Fehlern ("Biases") führen kann. Dieser Ansatz wurde insbesondere von Kahneman und Tversky vorangetrieben - eher mit der Vorstellung, dass Biases eben Fehlern seien, die aus Heuristiken resultieren.[1] Auf der anderen Seite stellt die ABC-Gruppe um Gigerenzer die Vorteile von Heuristiken dar, die einfach und schnell seien und damit den Umgang in komplizierten oder komplexen Umwelten ermöglicht.[2]

"In der entscheidungstheoretischen Literatur wird oft ein Unterschied zwischen Entscheiden unter Risiko und Entscheiden unter Unsicherheit gemacht (Knight, 1921). Bei Entscheidungen unter Risiko sind definitionsgemäß die Wahrscheinlichkeiten, mit denen die Konsequenzen eintreten, bekannt bzw. objektiv vorgegeben (beispielsweise ein Glücksspiel, bei dem man mit p = 0,50 einen Gewinn von 100 € erhält). Bei Entscheidungen unter Unsicherheit sind die Wahrscheinlichkeiten nicht oder nur vage bekannt und müssen subjektiv geschätzt werden (beispielsweise eine Wette, bei der man 100 € gewinnt, falls Borussia Dortmund das nächste Spiel gewinnt)." (Jungermann, Pfister und Fischer, 2017, S. 171)[3]

Für die Beurteilung eines Risikos spielt der Erwartungswert E(X) der Zufallsvariablen eine große Rolle: Er berechnet sich aus

wobei xi die insgesamt N diskreten Werte sind, welche die Zufallsvariable X annehmen kann, und pi die Wahrscheinlichkeit, mit der der i-te Wert eintritt. In der Versicherungsmathematik ist etwa pi die Wahrscheinlichkeit, das ein PKW aus einer bestimmten Risikogruppe verunfallt mit einem Schaden der Höhe xi. Aus diese Weise lässt sich der Schadens-Erwarungswert für einen PKw aus einer Risikogruppe abschätzen - Versicherungsprämien sollten aus Sicht der Versicherung über diesem Erwartungswert liegen, damit sie im Schnitt Geld verdienen kann.

Risikowahrnehmung und Klimakrise

Eine neu erschienene Studie von Bradley, Babutsidze, Chai und Reser (2020) untersucht in einem Ländervergleich die Klima-Risikowahrnehmung in Australien und Frankreich in Abhängigkeit von soziodemographischen und psychologischen Faktoren wie gefühlte Umweltverantwortlichkeit und -effizienz.[4] Zur Messung der Risikowahrnehmung wird die "6-item Climate Change Risk Perception Scale" von Kellstedt, Zahran und Vedlitz (2008)[5] verwendet. Die Skala besteht aus sechs 4-stufigen Items, die gemittelt werden. Drei Items fragen nach der Zustimmung zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die eigene (persönliche) Gesundheit, den eigenen finanziellen Wohlstand und die eigene Umwelt, drei weitere Items nach den Auswirkungen auf die öffentliche (allgemeine) Gesundheit, den (finanziellen) Wohlstand der Gesellschaft und die Integrität/Erhaltung der Umwelt.Die Zustimmung konnte auf einer Skala von 1 bis 4 zum Ausdruck gebracht werden, wobei größere Zahlen eine größere Zustimmung bedeuten.

Wie in vielen anderen Studien zu Risikowahrnehmung (aus unterschiedlichsten Bereichen) zeigte sich auch mit dieser Skala schon bei Kellstedt, Zahran und Vedlitz (2008 der "white-male"-Effekt, der besagt dass Weiße und Männer tendenziell weniger Risiken wahrnehmen als Nicht-Weiße und Frauen: Die Besorgnis um Klimaerwärmung und Klimaänderung war auch in dieser Studie entsprechend.

Bradley, Babutsidze, Chai und Reser (in print) definieren Risikowahrnehmung als einen Prozess des Erkennens und Interpretierens von Signalen aus verschiedenen Quellen mit Hinblick auf ungewisse Ereignisse und des Bildens einer subjektiven Beurteilung der Wahrscheinlichkeit und des Schweregrads des gegenwärtigen oder zukünftigen Schadens, der mit diesen Ereignissen verbunden ist. Letzterer Teil trifft genau die Definition des Risikos in der Formel oben, wobei nun jeweils die objektiven Wahrscheinlichkeiten und Konsequenzen durch subjektive Wahrscheinlichkeits- und Schadenseinschätzungen ersetzt sind.

Dabei gehen die Autoren gehen davon aus, dass die Risikowahrnehmung aus unterschiedlichen Quellen beeinflusst wird. Um diese Quellen zu kategorisieren, nutzen sie das Climate Change Risk Perception Model (CCRPM - van der Linden, 2015[6]), welches die Prädiktoren für Risikowahrnehmung in vier Kategorien gruppiert: kognitiv, erfahrungsbasiert, sozio-kulturell und sozio-demographisch.

  1. Zur Erfassung der kognitven Kategorie erheben Bradley, Babutsidze, Chai und Reser (2020) die Sicherheit der Überzeugung, dass es Klimawandel gibt, und das faktische Wissen zur Klimaerwärmung und Klimawissenschaft.
  2. Zur Erfassung der erfahrungsbasierten Kategorie erheben sie die wahrgenommene Klimabelastung in der Wohnumgebung ("Heimat") und/oder die zukünftige Bedrohung durch künftige Extremwetterlagen, Naturkatastropehn oder andere Auswirkungen durch Klimawandel am Wohnort. Zusätzlich wird auch die persönliche Erfahrung mit Naturkatastropehn, über die in der Wohnumgebung hinaus die ganz persönliche Erfahrung bzw. Betroffenheit von solchen Ereignissen, erhoben.
  3. Zur Erfassung der soziokulterellen Kategorie erheben die Autoren, wie sich die Befragten jeweils mit der Natur verbunden fühlen. Darüber hinaus erheben sie noch die "grüne Identität" als Gefühl, mit Umweltfragen im (Interessens)-Einklang zu stehen.
  4. Zur Erfassung der soziodemographischen Kategorie fließen Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Bildungsabschluss, Einkommen und politische Einstellung ein.

Insgesamt werden also sechs psychologische Erklärungsvariablen (jeweils 2 in den Kategorien 1 bis 3) zur Vorhersage von Risikowahrnehmung herangezogen, die durch die soziodemographischen Faktoren modifiziert werden.


  1. Tversky, A.,Kahneman, D. (1974) Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, Science(185), 4157, 1124–1131.
  2. Gigerenzer, G., Todd, P. M., & The ABC Research Group. (1999). Evolution and cognition. Simple heuristics that make us smart. Oxford University Press.
  3. Jungermann, H., Pfister, H.-R., Fischer, K. (2017). Die Psychologie der Entscheidung (4. Auflage). Berlin, Heidelberg: Springer.
  4. Bradley, G- L., Babutsidze, Z., Chai, A., Reser, J. P. (in print). The role of climate change risk perception, response efficacy, and psychological adaptation in pro-environmental behavior: A two nation study, Journal of Environmental Psychology, 68 (April).
  5. Kellstedt, P. M., Zahran, S., Vedlitz, A. (2008). Personal Efficacy, the Information Environment, and Attitudes Toward Global Warming and Climate Change in the United States. Risk Analysis, 28(1), 113-126.
  6. van der Linden, S. (2017). Determinants and measurement of climate change risk perception, worry, and concern. In H. von Storch (Ed.), Oxford research encyclopedia of climate science. doi: 10.1093/acrefore/9780190228620.013.318