Nelly-Sachs-Gymnasium Neuss/Erzählungen: Lebensentwürfe in der Literatur aus unterschiedlichen historischen Kontexten/Die Marquise von O.

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Inhalt

Die Novelle Die Marquise von O...“, von Heinrich Kleist, erschienen 1808, spielt in Italien zur Zeit des zweiten Koalitionskriegs. Die Novelle handelt von der verwitweten Marquise von O..., die schwanger ist, ohne dass sie von einem möglichen Vater weiß.[1]

Während eines russischen Angriffes auf die Familie der Marquise von O. wird Julietta (die Marquise), verschleppt. Die russische Truppe versucht, sie zu vergewaltigen. Der Graf F erscheint allerdings noch rechtzeitig und verhindert eine Vergewaltigung. Der Graf bringt die Marquise zurück in den Palast, da sie ohnmächtig geworden ist. Was auf dem Weg dorthin geschieht, bleibt im Dunkeln. Kurz nach den Geschehnissen wird jedoch eine Schwangerschaft bei der Marquise festgestellt, eine Vergewaltigung stellt dabei einen mögliche Erklärungsansatz dar. Das Entstehen einer Schwangerschaft, ohne sich währenddessen in einem ehelichen Verhältnis zu befinden, war damals eine gesellschaftliche Schande, sodass die Marquise von ihrer Familie, beziehungsweise von ihrem Vater, verstoßen wird. Sie flüchtet auf den Landsitz ihrer Familie und versucht von dort, über eine Zeitungsannonce den Vater ihres noch ungeborenen Kindes zu finden. Der Graf von F offenbart sich kurze Zeit später als der Vater des Kindes. Die Marquise stimmt einer Heirat mit dem Grafen vorerst nicht zu, lässt sich jedoch wenig später doch auf die Vermählung ein. Die Erzählung endet mit einer Erneuerung des Eheversprechens (doppelten Hochzeit) und noch weiteren Kindern der Marquise und des Grafen von F.

Die Identitätskrise der Marquise

Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor.[2]

Hier bitte Identitätskrise einfügen.

Figurenanalyse

Die Marquise:

Betrachtet man die Protagonistin der gleichnamigen Erzählung Die Marquise von O, von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1808, wird deutlich, dass es sich bei der jungen Witwe um eine charakterstarke, emotionale Frau mit durchaus emanzipatorischen Tendenzen handelt. Auf der anderen Seite befreit sie sich nicht konsequent von gesellschaftlichen Zwängen und erfüllt lange das Gute-Tochter-Klischee: verwitwete Mutter, Tochter, Hausfrau, Pflegerin ihrer Eltern.

Die Figur der Marquise ist mehrdimensional angelegt, ihre charakterlichen Facetten reichen von gehorsam-gesellschaftskonform bis für die damalige Zeit untypisch selbstbestimmt.

Die Marquise von O, namens Julietta, ist eine Witwe, da ihr Mann, in den sie schwer verliebt war, drei Jahre vor der Handlung der Erzählung, während einer Geschäftsreise verstorben war (vgl.S.5.Z.14ff). Mit ihm hat sie mehrere Kinder und erwartet ein weiteres Kind von einen unbekannten Mann, den sie versucht, durch einen Aufruf in der Zeitung aufzufinden (vgl. S.5, Z.4ff). Sie ist die Tochter des Herrn von G... , des Kommandanten der Zitadelle bei M..., und der Frau von G... und hat einen guten Ruf (vgl.S.5,Z.13ff). Nach dem Tod ihres Mannes zieht sie mit ihren Kindern in das Haus der Eltern und verlässt ihr Landhaus bei V..(vgl.S.5, Z.19ff). Sie liebt Lektüren, die Kunst und kümmert sich nebenbei um die Erziehung ihrer Kinder, sowie die Pflege ihrer Eltern (vgl. S.5, Z.22ff). Man erfährt nicht viel über das Aussehen der Marquise von O, bis auf ihre Körperstatur, die als schlank beschrieben wird (vgl. S.7, Z. 10:,, schlanken Leib’‘).

Die Marquise von O wird ein Kind gebären, dessen Vater sie nicht kennt. Trotz der schwierigen Umstände wagt sie es, ihr Schicksal in der Zeitung öffentlich zu machen, um den Kindesvater zu suchen (vgl. S.5, Z.5-10). Damit versucht sie, den Normen und Werten der damaligen Zeit, die es nicht als angemessen sehen, ein Kind vor der Ehe zu haben, wieder zu entsprechen, indem sie sich bereit zeigt, den Vater ihres ungeborenen Kindes heiratet .

Direkt zu Beginn der Erzählung wird deutlich, dass die junge Frau bereit ist, die Initiative zu ergreifen, als sie einen Zeitungsartikel veröffentlicht, in dem sie nach dem unbekannten Vater ihres ungeborenen Kindes sucht (vgl. S.5, Z.6ff). Dies deutet darauf hin, dass die Marquise recht viel Wert auf die hohe gesellschaftliche Stellung ihrer Familie bzw. ihrer eigene als Tochter des Kommandanten (vgl.S.5, Z.13 u.18) legt. Jedoch ist schon im Vorfeld der eigentlichen Handlung im Gegensatz dazu auch eine emanzipierte Seite an ihr angelegt, dies wird z.B. durch ihre lange Weigerung, erneut zu heiraten deutlich (S.14, Z.1f: "entschlossen, keine zweite Vermählung einzugehen"). Auch ihre Überzeugung, weiterhin ohne Mann an ihrer Seite zu Recht zu kommen, nachdem sie von ihren Eltern verstoßen wurde, sowie, dass sie in diesem Zusammenhang ihre Kinder mit sich nimmt (vgl. S.30, Z.27f), machen dies deutlich. Somit lässt sich sagen, dass die Marquise im innerfamiliären Rahmen, vor allem gegenüber ihres Vaters, eine für die damalige zeit untypisch emanzipierte Seite hat, außerfamiliär aber weiterhin den gesellschaftlichen Normen folgt, welche damals für Frauen (mit Kindern) vorgesehen wurden.

Außerdem weist sie sich als ein dankbarer Mensch aus, da sie ihre eigene Gesundheit hinten an stellt, um ihre Dankbarkeit gegenüber ihres Retters ausdrücken zu können (vgl. S.8,Z.21ff). In diesem und anderen Momenten der Novelle stellt sich heraus, dass die Marquise von O ein emotionaler Mensch ist (vgl. S.10, Z.32ff). So wird beispielsweise durch ein offenes Zeigen ihrer Sorge um ihre Mitmenschen (vgl. S.12, Z.22f) ihr Mitgefühl gezeigt. Jedoch wird ebenfalls deutlich, dass Julietta im Laufe der Erzählung von einer ständigen Trauer über den Tod ihres ersten Ehemannes begleitet wird, was sich in ihrem Wunsch nicht erneut zu heiraten widerspiegelt (vgl. S.20, Z.30-32). Auch in dem Verhalten der Marquise, als ihre Eltern sie verstoßen (S.28,Z.32f: "Geh! Geh!" ), da sie nicht weiß, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes ist, ist ihre emotionale, von anderen Menschen abhängige Seite, zu erkennen, welche sich ebenfalls häufig durch Kreislaufprobleme und zittrige Knie äußert.

Eine weitere wichtige Situation, in welcher die Marquise emotional reagiert, ist die Offenbarung des Grafen F als Vater ihres ungeborenen Kindes (vgl. S.46-49). Gleichzeitig wird durch ihre Reaktion auch ein starker Kontrast zu ihrer vorherigen Einstellung dem Grafen gegenüber deutlich. Während sie ihn bei ihrer Rettung noch als "Engel" (S.7, Z.8) wahrnimmt, verkörpert er für sie nun den Teufel (vgl. S.50, Z.25-27). Nach den ersten Treffen ist sie noch bereit den Grafen von F. zu heiraten (vgl. S.16), womit der Ruf der Familie gerettet wäre. Als sich der Graf F. zu einem späteren Punkt als der Vater des Kindes offenbart, und die Marquise die Möglichkeit hat, den Ruf der Familie zu retten, will sie dies jedoch zunächst nicht tun (vgl. S.46-48). Dies ist eine der wenigen außerfamiliären emanzipierten Handlungen der Marquise, auch wenn es nicht von Dauer ist.

Die Marquise ist die Hauptperson der Novelle und ist eine dynamisch angelegte Figur. Im Laufe der Novelle gewinnt sie an Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit, als sie von ihren Eltern ausgestoßen wird und ihr Leben in die eigene Hand, mit ihren zwei Kindern nehmen muss (vgl. S.26 z.35). Dies wird auch deutlich, als sie gegen den Willen des Vater, der die Kinder bei sich behalten wollte, deren Mitnahme durchsetzt (vgl. s.25 z.20).

Das Verhältnis der Marquise zu ihrem Vater weist eine gewisse Ambivalenz auf, da sie ihrem Vater gegenüber in bestimmten Situationen, sei es ihre Rolle als Mutter oder Frau, emanzipiert handelt. Deutlich wird aber, dass sie, beispielweise am Ende, als es zur Versöhnung kommt, bei ihrem Vater mit ihrer Unterwürfigkeit, auch wenn es von ihrer Seite aus nur passiv ist, eine Reaktion provoziert, sodass nicht sie, sondern er aktiv einen Schritt und den ersten Annäherungsversuch macht (vgl. S. 45).  Zudem lässt sich hinzufügen, dass die Marquise Sorge hat, dass ihr vaterloses und illegitimes Kind eines Tages von der Gesellschaft geächtet werden könnte. Daher überwindet sie sich und entscheidet sich dazu, den Mann zu heiraten, der sie unbewusst benutzt hat und sie in solch einen Zustand gebracht hat. Jedoch beschließt sie im Laufe der Erzählung, Graf F ein zweites Mal zu heiraten, mit dem Unterschied, dass diese zweite Hochzeit aus Liebe stattfindet.

Die Marquise hat zu ihrer Mutter eine starke emotionale Bindung. Deutlich wird dies, als die Marquise von ihrer Schwangerschaft erfährt und ihre Mutter sie in den Arm nimmt (vgl. S.23, Z.14). Die Mutter zweifelt nach dem Rausschmiss der Marquise an deren Schuld und reist zu ihr, um sich davon zu überzeugen , indem sie die Marquise mit einer Lüge über eine Schuldbekenntnis testet (vgl. S.39, Z.37f) und holt ihre Tochter wieder nach Hause (vgl. S.42, Z.1f).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Marquise zunächst ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche unterdrückt, während sie vor hat, den Vater des Kindes zu finden und zu heiraten und somit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterliegt. Die Dynamik der Marquise entwickelt sich von einer zurückhaltenden Person zu einer emanzipierten, nachdem sie nach ihrem Rausschmiss und während ihrer ungewollten Schwangerschaft eine Identitätskrise durchläuft. [ LK Gruppe 1: LeBNSG]

Graf F.

Graf F ist eine der vier Hauptfiguren der Novelle. Er zeigt sich als mehrdimensionaler Charakter, motivisch umgesetzt in der Engels-Teufels-Metaphorik ("Er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen wäre" S. 47, Z.30): Graf F als gefallener Engel (Teufel).

Neben der Marquise, dem Herrn von G und der Frau von G, ist er der Einzige, der nicht zu der italienischen Familie gehört. In der gesamten Erzählung wird nur die Verwandtschaft zu seinem Onkel, General K erwähnt (vgl. S. 15 Z. 19-21). Im Vergleich zu den anderen Charakteren verfügt er also über mehr Freiheiten, da er nicht so eng an die Familie gebunden ist.

Man erfährt nicht viel über seine Hintergründe und Vorgeschichten. So bleibt sein Vorname auch ungewiss. Graf F ist „ein russischer Offizier“( S. 7, Z. 5-6). Durch sein Verhalten beim Angriff auf die Zitadelle der Familie der Marquise werden seine großen militärischen Fähigkeiten deutlich (vgl. S. 5-7). Neben seinem hohen militärischen Stand geniest er einen ausgezeichneten Ruf und wird auch als „Obristlieutnant vom t…n Jägerkorps und Ritter eines Verdienst- und mehrerer andrer Orden“ (S. 8, Z. 24-25) bezeichnet. Außerdem verfügt er über ein „ansehnliche[s] Vermögen“, sodass man ihn zu der hohen, adeligen Gesellschaftsschicht zuordnen kann. Zudem wird er vom Erzähler als „schön, wie ein junger Gott“ (S. 12, Z. 15) beschrieben.

Aufgrund der Aussage "die Erkundungen, die man über ihn einzog, sprachen ziemlich zu seinem Vorteil" (S.23, Z.27-28), erkennt man, dass Graf F. einen ausgezeichneten Ruf besitzt und in der Vergangenheit vermutlich noch nie etwas Verwerfliches getan hat.

Als bei dem Angriff auf die Zitadelle russische Soldaten versuchen, die Marquise zu vergewaltigen (vgl. S. 7 Z. 2-5), erscheint Graf F und befreit sie aus den Fesseln der Angreifer. Sein Mut und seine Hilfsbereitschaft führen dazu, dass die Marquise ihn als „Engel des Himmels“ (S. 7, Z. 8-9) bezeichnet.

Obwohl es sich bei den Vergewaltigern um seine Soldaten handelt, schreckt er nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden (vgl. S. 7, Z. 9-12). Nach seiner Rettungstat bietet er der Marquise „unter einer verbindlichen, französischen Anrede den Arm“ (S. 7 Z. 12-13). Dies zeigt sein charmantes Auftreten gegenüber Frauen.

Die Marquise und Graf F kennen sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Deswegen ist es umso erstaunlicher, welche Bemühungen der Graf aufwendet, um die Marquise zu beschützen. Zwar übernimmt der Graf Verantwortung, das Richtige zu tun, indem er die Marquise vor den eigenen Soldaten rettet, reagiert aber selbst triebgesteuert und impulsiv, indem er sie anschließend vermutlich selbst vergewaltigt (vgl. S.14, Z.16f.):Nachdem er die Marquise in den sicheren Westflügel des Palastes gebracht hat, fällt diese in Ohnmacht. In diesem Moment ändert sich das Verhalten des Grafen. Er lässt sich vermutlich auf das Niveau der „Hunde“ (S. 7, Z. 6) herab und wird nun selbst zum angeblichen Vergewaltiger. Die Vergewaltigung wird in der Novelle nie explizit erwähnt, lässt sich aber durch den weiteren Verlauf erklären. Kurz darauf verspürt er jedoch tiefe Reue und nimmt sich vor, "die einzige nichtswürdige Handlung, die er in seinem Leben begangen hätte" (S. 15, Z. 4-6) wiedergutzumachen. In Gesprächen, in denen es um die Marquise geht, wird er oftmals rot (vgl. S.9, Z.19f./ S.14, Z.33). Das zeigt, dass ihm sein vergangenes Verhalten unangenehm ist und dass er seine Emotionen schlecht verbergen kann.. Er deutet sein Fehlverhalten an, findet jedoch nicht den Mut, es auszusprechen ("...unter anderen Umständen.../... dringende Verhältnisse...", S.14, Z.10-15). Hier zeigt sich eine gewisse Feigheit, Scham oder zumindest eine gewisse Vermeidungshaltung des Grafen.

Zusätzlich scheint der Graf sehr rücksichtsvoll, gefühlsvoll und sentimental, da er sich stark um das Wohlbefinden der Marquise von O. sorgt (vgl. S.12 Z. 21-26). Allgemein lässt sich sagen, dass der Graf etwas für die Marquise empfindet. So schreibt er ihr, während er in Neapel ist Briefe und versucht so Kontakt zu ihr zu halten (vgl. S.14, Z.18ff). Auch besucht er ihr Haus, direkt nach der Rückkehr von seinem Aufenthalt in Neapel, in der Hoffnung die Marquise dort anzutreffen. Als er hört was in seiner Abwesenheit passierte, sucht er sie auf und obwohl der Türsteher ihm sagt, dass die Marquise niemanden sehen möchte, geht er trotzdem in den Garten um mit ihr zu reden (vgl. S.14-15). Dies zeigt einerseits wie wichtig es ihm ist die Marquise zu heiraten, auf der anderen Seite deutet dies auch auf eine große Hartnäckigkeit und Rücksichtslosigkeit hin, welche sich auch in seiner Überlegung einfach durch das "zur Seite stehende offene Fenster ein[zu]steigen" (S.15 Z.34-35) widerspiegelt. Des Weiteren greift er nach ihren Händen und möchte diese küssen, wodurch er nochmals seine Gefühle für die Marquise zum Ausdruck bringt (vgl. S.12, Z.37f).

Dass sein Interesse an der Marquise aufrichtig ist, zeigt sich durch seine Entschlossenheit, alles zu tun, um diese für sich zu gewinnen. Der Graf ist sogar bereit, seinen hohen beruflichen Stand aufzugeben, indem er die bevorstehende  Dienstreise abbrechen will, um die Familie der Marquise überzeugen zu können, dass diese einer Hochzeit zustimmt. Ihm ist die Hochzeit mit der Marquise so wichtig, dass er sogar den Heiratsvertrag annimmt (vgl. S.49, Z.3f). Sein Interesse an einer Versöhnung mit der Marquise wird dadurch deutlich, dass der Graf nach der Hochzeit Abstand von ihr hält (vgl. S.49, Z.28-31) und sie erst bei der Taufe des Sohnes wiedersieht. Dass er als Geschenk eine so hohe Summe an Geld, sowie das Testament mitbringt, verdeutlicht ebenfalls den Aspekt, dass der Graf sein Verhalten wieder gut machen möchte (vgl. S.50, Z. 7-9).

Dadurch, dass sogar der Vater der Marquise, welcher von den Truppen des Grafen angegriffen wurde, ihn als "ehrliche[n] Mann" (S. 10, Z. 12) bezeichnet, kann man davon ausgehen, dass der Graf nach außen ein sehr ehrenhaftes Erscheinungsbild hat und mit allen Menschen manierlich umgehen kann (vgl. S.15 Z. 7f).

Dennoch weist der Graf durch die Vertuschung seiner Tat, aber auch aufgrund seiner Empfindung gegenüber der Marquise, eine gewisse Ambivalenz auf. Er schiebt seine "Wiedergutmachung" bis zum Ultimatum (Annonce) auf, um vermutlich seinen guten Ruf nach außen zu behalten. Die innere Motivation für sein Verhalten und den Umgang mit dieser Situation bleibt von Kleist aus absichtlich offen. Obwohl er sich überwiegend standesgemäß als Gentleman verhält, zeigt seine vermeintliche Tat an der Marquise auch eine andere, dunkle Seite seines Charakters.

Die zwei Seiten seines Charakter spiegeln sich auch in seiner Sprache wider. Auf der einen Seite ist er fähig, sich differenziert, in einem gehobenen Stil auszudrücken. Geht es jedoch um seine schändliche Tat, so ist sein Sprachverhalten geprägt von Verlegenheit und Scham und seine Fähigkeit, sich differenziert auszudrücken, verfliegt (vgl. S. 14, Z. 33-34).

Eine abschließende Bewertung der moralischen Integrität des Grafen ist schwierig, weil die Schwere der Tat in so starkem Kontrast zu seinem sonstigen Auftreten und Verhalten steht. Durch diese Tat lässt sich jedoch auch seine Mehrdimensionalität erklären. Die anfänglich aufgestellte Deutungshypothese, lässt sich also resümieren. Auf der einen Seite erfüllt Graf F das Klischee eines, zu dieser Zeit, perfekten Mannes: Er ist gebildet, zeigt ausgezeichnete Manieren und wird durch seine Willensstärke und Aufrichtigkeit, ein vermögender Mann makellosen Rufs. Man könnte sagen, sein Charakter gleicht dem eines Engels. Im Gegensatz dazu, sticht durch die vermutete Vergewaltigung seine teuflische Seite hervor. Graf F ist also Engel und Teufel zugleich. [GK Gruppe 1: JaBNSG]

Vater:

Der Vater spielt in der Novelle Die Marquise von O eine wichtige Rolle, da er die damaligen gesellschaftlichen Normen repräsentiert. Die Vielfältigen Charakterzüge und Verhaltensweisen des Kommandanten weisen auf eine Mehrdimensionalität und Dynamik hin, welche seine Funktion in der gesamten Erzählung unterstützt, da auch die Gesellschaft ihr Verhalten gegenüber einer Person verändert, sobald diese nicht mehr der gesellschaftlichen Norm entspricht.

Der Kommandant, welcher auch als "Obrist" oder "Herrn von G“ bezeichnet wird, ist verheiratet mit der Frau von G und Vater der Protagonistin der Erzählung, Juliette, welche auch den Titel der Marquise von O trägt.  

Gleich zu Beginn der Erzählung wird deutlich, dass der Kommandant nicht nur einen hohen Sitz in der Gesellschaft hat, sondern auch in seiner Rolle als Vater und Ehemann, eine wichtige Position für die Novelle einnimmt. Dies wird vor allem dadurch verdeutlicht, dass die Marquise teils über ihren Vater definiert wird „Die Tochter des Herrn von G Kommandant der Zitadelle“ (siehe. Z.13/14).

Der Kommandant meldet sich selten zu Wort, doch wenn er spricht, dann meist in einer Befehlsform „Macht! Macht! Macht!“ (siehe. S.22 Z.6). Dieses Verhalten ist womöglich auf seine Tätigkeit im Militär zurückzuführen, aufgrund derer er es gewohnt ist, auch schon für kleine Aufwände anderen einen Befehl zu erteilen (Z. 27f). Auch in der Familie kommt seine Militärische-Ader zum Vorschein, in dem dort eine klare Rangordnung herrscht, in der er das Familienoberhaupt darstellt. Erkennbar auch daran, dass er als erstes das Wort erhebt, wenn Besuch eintrifft (S. 22, Z.20). Die Familie vertraut ebenfalls auf das Urteil und auf die Fähigkeit des Kommandanten, für Probleme eine Lösung zu finden, wodurch die wichtige Bedeutung des Herrn von G für die Familie nochmals unterstrichen wird (S.25, Z. 6f). Sein Verhalten kann aber auch teils als impulsiv und nahezu aggressiv bezeichnet werden (vgl. S. 30 Z. 12-26).

Der Kommandant zeigt eher selten seine Gefühle, doch trotzdem lassen sich manchmal liebevolle Gesten wiederfinden "lächelte" (vgl. S.22, Z10), "umarmte ihn auf das Herzlichste"(S. 22 Z.30). Generell lässt sich der Vater von seinen Gefühlen stark leiten, sowohl im positiven Sinne, z.B. als die Marquise am Ende wiederkommt, aber auch im negativen Sinne, als er die Marquise rausschmeißt.

Beim Thema Gefühle spielt besonders die Liebe zu seiner Tochter (S.8 Z.28ff), die er ehrt und nur das Beste für sie möchte, eine entscheidende Rolle. Seine Gefühle für seine Tochter gehen aber an einigen Stellen über das Übliche hinaus: Sie haben in der Versöhnungsszene eine erotisch- sexuelle Konnotation. Der Fakt, dass ich der Vater erst Erkundigungen über den Grafen, den möglicherweise zukünftigen Ehemann seiner Tochter, einholt (S.23, Z.24-28) zeigt, dass seine Tochter ihm wichtig ist und er sie nicht an einen ungeeigneten Mann verheiraten möchte. Erst als positive Erkundigungen eintreffen, gibt er sein Einverständnis zur Hochzeit.

Sobald es um seinen gesellschaftlichen Ruf geht, verändert sich sein Verhalten gegenüber seiner Tochter aber drastisch. Während er zuletzt noch ein liebevoller Vater und Beschützer für seine Tochter, die Marquise, gewesen war, ist sein Verhalten, sobald er seinen gesellschaftlichen Ruf in Gefahr sieht, als egoistisch, gefühllos und kalt zu beschreiben. Erkennbar beispielsweise daran, dass im späteren Verlauf der Erzählung das frevelhafte Verhalten des Grafen für den Herrn von G nicht mehr von all zu großer Bedeutung zu seinen scheint, da er ihm trotz seines Verhaltens die Hand seiner Tochter verspricht.

Dieses Verhalten des Obristen wird auch nochmals deutlich, als er sich sofort von seiner Tochter distanziert, als er erfährt, dass diese unehelich schwanger geworden ist. Er unterlässt es auch, sie nach ihrer Sicht auf das Geschehen zu fragen, hinterfragt das Urteil nicht und stellt auch keine weiteren Nachforschungen an. Der Kommandant vertraut somit mehr dem Urteil einer anderen Person als dem seiner eigenen Tochter. Auch im weiteren Verlauf wird das Misstrauen, was der Vater gegen seine eigene Tochter hegt, nochmals deutlich, da er denkt, der Artikel in der Zeitung sei eine List seiner Tochter (S.37 Z.26). Auch der Fakt, dass für ihn die naheliegendste Lösung des "Schwangerschaft-Konfliktes" ist, die Marquise wegzuschaffen und den Vorfall zu verdrängen, unterstützt die These des unterkühlten Verhaltens des Grafen von G (vgl. S.29, Z. 23-28+S.36, Z.29f). So wird deutlich, dass sein eigener gesellschaftlicher Stand für ihn über der Liebe zu einer Tochter steht. Verdeutlicht wird dies noch einmal im weiteren Verlauf der Erzählung, als seine Tochter ihm, nachdem sie den Brief mit der Anweisung, das Haus zu verlassen, welchen er nicht Mals selbst verfasst hat, erhalten hat, aufsucht und seine Tür verschlossen ist. Die Tür könnte hierbei auch als ein Bild fungieren, welches die geschlossenen Türen seines Herzens verdeutlichen soll. Er lässt sich also von seiner Entscheidung, seine Tochter abzustoßen, nicht mehr abbringen (S.29, Z. 35). Hier zeigt sich somit auch die Sturheit des Grafen von G. Als sich die Marquise schließlich zu seinen Füßen wirft, weiß der Vater sich nicht anders zu helfen, als nach einer Pistole an der Wand zu greifen, woraufhin sich ein Schuss löst (vgl. S. 30 Z. 12-26).  Auch hier wird die starke Abneigung und die Entschlossenheit, sich von seiner Tochter zu distanzieren, hervorgehoben. Das erbarmungslose Verhalten des Kommandanten zeigt sich auch nochmals, als er verlangt, dass seine Tochter ihre Kinder zurücklässt (S.30, Z.25f). Somit findet während dieses "Schwangerschafts-Konflikts" eine Veränderung seines Verhaltens statt und es deutet sich eine Mehrdimensionalität (Dynamik?) der Figur des Kommandanten an.

Betrachtet man das Verhältnis von Graf von G und dessen Frau, fällt auf, dass dies nicht linear, sondern kollinear ist, erkennbar daran, dass der Graf auch seiner Frau Befehle erteilt und ihr Verbote ausspricht (vgl. S.38. Z.32 ff. + S. 38). Seine Frau hingegen achtet seine Befehle und Verbote immer weniger im Laufe der Novelle, so besucht sie beispielsweise, trotz des strickten Verbotes ihres Mannes, ihrer Tochter nach dem Zerwürfnis auf dem Landsitz (S. 39. Z. 1-4). Dem Kommandanten entgleitet somit seine führende Rolle als Familienoberhaupt im Laufe der Erzählung immer weiter. Trotz seiner autoritären Position und Sturheit, lässt er sich von seiner Frau in seinen Entscheidungen beeinflussen, was wiederum zeigt, dass ihre Beziehung zwar nicht linear ist, seine Autorität aber auch Grenzen kennt, sobald er an seine persönlichen Grenzen gelangt.

Zum Ende der Erzählung findet eine erneute starke Wendung, jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung, statt. Als der Graf nach der Rückkehr seiner Tochter die Wahrheit über die Geschehnisse erfährt, sieht der Vater seine Fehler ein und bereut diese zutiefst, sodass er in Tränen ausbricht. Er ist verzweifelt und weiß nicht, wie er sich seiner Tochter gegenüber verhalten soll, sodass er den Anweisungen seiner Frau folgt und sich die Wendung in der sonst rangorientierten Familienordnung widerspiegelt (S.43, Z.34). Zu diesem Zeitpunkt scheint der Vater trotzdem weiterhin das Familien Oberhaupt zu sein, lässt dies jedoch nicht durchblicken, was auf den Stolz des Vaters hinweist. Er ist allerdings nicht dabei ist, als der Graf F. kommt, um seine Taten zuzugeben. Der Hochzeit stimmt er trotzdem zu, da diese nach den Geschehnissen einen positiven gesellschaftlichen Einfluss hat und so auch seinen gesellschaftlichen Status verbessern wird.

Der dynamische Figur des Vaters der Marquise weist also im Verlauf der Erzählung mehrfach eine starke Veränderung seines Handelns und seines Charakters auf, die immer mit starken, teilweise unpassenden Emotionen zusammenhängt. Somit lässt sich sagen, dass der Kommandant Gefühle und Emotionen nicht äußern kann, wodurch er, wie zum Beispiel mit dem Ziehen einer Pistole gegenüber seiner Tochter, mit extremen Emotionen das ursprüngliche Problem verdrängt. Es zeigt sich außerdem, dass er sich oft versucht, als Familienoberhaupt und Befehlshaber zu beweisen, sich dann aber in schwierigen Situationen von seiner Frau leiten lässt. Der Vater fungiert zusätzlich als Repräsentant der damaligen gesellschaftlichen Normen, was sich durch seine Reaktion auf die uneheliche Schwangerschaft seiner Tochter widerspiegelt. [LK Gruppe 2: TaKNSG]

Mutter:

Die Mutter (auch Obristin von G, oder Frau von G), ist eine Vertrauensperson der Marquise, die sich im Laufe der Novelle immer weiter entwickelt. Ihr gelingt die Versöhnung des Vaters mit der Tochter und gegen Ende wird sie sich auch ihrer Fehler gegenüber der Marquise bewusst und gesteht sich diese ein (S. 39, Z. 33 ff). Sie hält die Familie so zusammen und stellt sich im Laufe der Novelle über den Obristen.

Sie ist die Frau von Herr von G, dem Obristen. Daher hält sie den Adelstitel Obristin inne (vgl. S.5 Z.10-21). Da sie aber erwachsene Kinder hat und von der Marquise gepflegt wird, lässt sich vermuten, dass sie bereits älter ist.

Anscheinend mischt sie sich gerne in die Angelegenheiten anderer Familienmitglieder ein, da ihr der Ruf ihrer Familie sehr wichtig scheint (Besuch der Marquise). Um diesen zu wahren, fährt sie beispielsweise zur Marquise, um sich ihrer Schuld oder Unschuld zu überzeugen (vgl. S.39-41). Auch wenn der öffentliche Ruf der Familie dadurch nicht direkt gerettet wird, erhält sie für sich selber die Erkenntnis, ob die Reputation der Familie zurecht in Verrufung geraten ist oder nicht.

Vermutlich möchte sie deshalb dass ihre Tochter heiratet und probiert sie anfangs vom Graf F zu überzeugen (S. 20 Z. 24ff). Sie hat ein mütterliches Gefühl für die Marquise, obwohl sie aufgrund der Schwangerschaft enttäuscht ist: Die Marquise fällt in Ohnmacht nachdem ihre Schwangerschaft bestätigt wurde, die Mutter hilft ihr trotz Enttäuschung wieder schnell auf die Beine (S. 25).

Die Obristin hat eine spezielle Beziehung zu ihrer Tochter. Zunächst zweifelt sie an der Schwangerschaft ihrer Tochter, doch ihre mütterlichen Instinkte sind an vielen Stellen schwerwiegender als ihre Zweifel. Zusätzlich zeigt sie eine starke Emotionalität ihrer Tochter gegenüber, welche die Wichtigkeit dieser Beziehung für die Mutter darlegt. (vgl. S.28 Z. 24). Nach der Annonce in der Zeitung, fährt die Mutter zur Marquise, um diese auf die Wahrheit dieser zu testen. Nachdem sie erfährt, dass die Marquise nicht gelogen hat, ist sie dieser gegenüber sehr demütig, woraufhin sie sich sehr emotional entschuldigt (vgl. S. 41 Z. 23-27). Sie will alles tun, damit die Tochter ihr verzeiht: "ich will keine andre Ehre mehr, als deine Schande; wenn du mir nur wieder gut wirst" (S. 42 Z. 6-7). Ihre Gefühle für ihre Familie wirken stärker als der rationale Wille.

Auch sprachlich gesehen wird hier eine klare Emotionalität gegenüber der Tochter deutlich. Sie vergöttert diese nahezu: "O meine Tochter" , "o du Vortreffliche" (vgl. S.41 Z.12-13). Verstärkt wird das durch eben diese enge Bindung zu der Marquise, welche sich durch verschiedenste Textstellen begründen lässt. So bietet sie der ganzen Welt "trotz" (S.42 Z.5), um sich mit der Marquise zu versöhnen und wolle ihr nicht mehr von der Seite weichen (vgl. S.42 Z.5).

Die Mutter zeigt sich zu Beginn des Geschehens als eine sehr traditionelle Frau. Sie reagiert verärgert, als sie erfährt, dass die Tochter außerehelich schwanger geworden ist (S. 28 Z. 32). Obwohl sie zunächst noch zur Versöhnung bereit ist (vgl. S.28, Z.30-31), wirft sie die Tochter dennoch sofort aus dem Haus raus. Dies lässt auf einen impulsiven Charakter schließen (S. 28, Z. 32). Allerdings führt das tyrannische Verhalten des Vaters (Rauswurf der Marquise, vgl. S.29, Z.24-26) dazu, dass sie selbstkritisch über ihre Rolle als Mutter nachdenkt und sich gegen den Willen des Obristen stellt (S.36, Z. 10-15). Dieses Verhalten zeigt sich erneut als sie, ohne es den Obristen wissen zu lassen, zur verstoßenen Marquise reist. Die Mutter weicht der Tochter am Ende nicht mehr von der Seite und unterstützt sie, als ihr Vergewaltiger auftaucht (S. 46 Z. 14-15).  Daraus lässt sich schließen, da sich die Mutter ihren Handlungen bewusst wird und reflektierend ihr Verhalten ändert, sie eine Entwicklung durchläuft, selbstbestimmt wird und somit als ein dynamischer Charakter bezeichnet werden kann.

Frau von G entspricht zum Schluss der Novelle nicht den zeitgenössischen Vorstellungen einer passiven, gehorsamen Frau, da sie gegen den Willen des Ehemannes aktiv zur Konfliktlösung beigetragen hat. [GK Gruppe 2 MaWeNSG]

Erzähltechniken - Übertreibung und Verzerrung

Analyse des Textausschnitts S.46-48 bezüglich der darin verwendeten

Darbietungsformen:
Darbietungsform Beispiel

Zeile

Zitat Funktion
Wörtliche Rede Z.7+8

Z.25+26

„Die Marquise rief: Verschließt die Türen! Wir sind für ihn nicht zu Hause“

„Die Mutter rief: Unglückliche! Was fehlt dir? Was ist geschehn, worauf du nicht vorbereitet warst?“

Es wird vermittelt, was die Figuren genau sagen, das Innenleben bleibt jedoch weiterhin (größtenteils) verborgen, dadurch wird verdeutlicht, dass es manchmal mehr braucht als nur ein paar Worte um alles richtig zu verstehen.

àfindet sich so in der gesamten Erzählung wieder

Szenische Darstellung Z.1-3



Z.3+4

„Als die Glocke eilf Uhr schlug, saßen beide Frauen, festlich, wie zur Verlobung angekleidet, im Besuchzimmer; das Herz klopfte ihnen, daß man es gehört haben würde, wenn das Geräusch des Tages geschwiegen hätte“

„Der eilfte Glockenschlag summte noch, als Leopardo, der Jäger, eintrat“

Da in den Worten nicht immer alles richtig dargestellt wird, bzw. die Figuren nur aus eigener Sicht sprechen, werden durch genaue Beschreibungen der Handlung Anzeichen geliefert, die auf die Wahrheit hindeuten, welche die Figuren nicht immer gleich erkennen/ verstehen.

àfindet sich so in der gesamten Erzählung wieder.

Kleist hat für seine Erzählung Die Marquise von O… sowohl das Mittel der Übertreibung als auch der Verzerrung genutzt.

Während die Übertreibung eher im Zusammenhang mit der Situationsbeschreibung zu finden ist (Z.3+4: „Der eilfte Glockenschlag summte noch, als Leopardo, der Jäger, eintrat“), finden sich die Verzerrungen eher in den gesprochenen Teilen der Erzählung wieder (Z.7+8: „Verschließt die Türen! Wir sind für ihn nicht zu Hause”).

Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen dem, was die Figuren sehen und verstehen, erkennbar an ihren Äußerungen, und den Zeichen, welche es die gesamte Zeit über gibt und durch die die überdeutliche Szenenbeschreibung angedeutet werden. Dieser Kontrast zieht sich über die gesamte Erzählung. [FeENSG]

.. hier bitte Analyse einfügen [ChTNSG].

Wahrnehmung und Wahrnehmungsskepsis

"Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün - und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört."  (H. v. Kleist an Wilhelmine v. Zenge am 28.3.1801)[3]

Zur Novellenform

Um die Frage beantworten beantworten zu können, ob „Die Marquise von O“ als Novelle bezeichnet werden kann, muss zuerst einmal der Begriff der „Novelle“ erläutert werden.

Zur Form der Novelle lässt sich sagen, dass diese ein kurzes, episches Format ist. Grob eingeteilt, ist sie kürzer als ein Roman, jedoch länger als eine Anekdote. Novellen werden oft zu einer Sammlung zusammengefügt, welche „Novellenzyklus“ genannt wird. Außerdem findet man in einer Novelle eine ungebundene (lockere) Sprache. Ein weiteres wichtiges Merkmal einer Novelle sind oft Leitmotive und Dingsymbole. Diese verstärken den lockeren Charakter einer Novelle, da durch sie auf ausführliche Schilderungen verzichtet werden kann. Inhaltlich basiert die Novelle auf real vorstellbaren Begebenheiten. Das zentrale Merkmal einer Novelle ist die Ähnlichkeit mit der geschlossenen Dramenform. Hierbei basiert die Novelle auf einem, im Mittelpunkt stehenden, Konflikt, welcher sich durch die ganze Novelle zieht und eine Art roten Faden darstellt. Aus diesem zentralen Konflikt resultiert auch der deutliche Hoch- und Wendepunkt.

Die geschlossene Dramenform kennzeichnet sich durch das sogenannte 5-Akt-Schema:

I Exposition: Figurenvorstellung, Einführung des dramatischen Konflikts

II Steigerung: dramatischer Konflikt entwickelt sich

III Höhe-/Wendepunkt: Peripetie des dramatischen Konfliktes, Wendepunkt: Lösungsanbahnung

IV retardierendes Moment, Verzögerung: oft Scheinlösung des dramatischen Konfliktes

V Katastrophe: dramatischer Konflikt wird gelöst auf moralischer Ebene unter persönlichen Verlusten (Fallhöhe!), meistens durch Todesfälle (des Helden)

Eine mögliche Zuordnung der Marquise in das 5-Akt-Schema wäre wie folgt:

I dramatischer Konflikt: unwissentlich zustande gekommene Schwangerschaft

II Verbannung

III Schuldoffenbarung des Graf F

IV 1. Hochzeit aus Pflichtgefühl

V 2. Hochzeit aus Liebe

Man sieht also, dass der dramatische Konflikt ausschlaggebend für die Zuteilung der weiteren Akte ist. Da der dramatische Konflikt in der Marquise nie explizit betitelt ist, handelt es sich hierbei um eine Deutungshypothese. Bezeichnet man ein anderes Element aus der Marquise als dramatischen Konflikt, so ändert sich auch die Zuteilung der geschlossenen Dramenform.

Stuft man die uneheliche Schwangerschaft als dramatischen Konflikt ein, so könnte das 5-Akt-Schema so aussehen:

I uneheliche Schwangerschaft

II Misstrauen der Eltern

III Zeitungsannonce

IV Offenbarung des Graf F

V 1. Hochzeit

Wie man den beiden Zuteilungen entnehmen kann, stößt die Einordnung der Marquise von O in die geschlossene Dramenform auf seine Grenzen. Die zweite Zuteilung vernachlässigt zum Beispiel das eigentliche Ende, nämlich die zweite Hochzeit. In der ersten Zuteilung stellt diese zweite Hochzeit die Katastrophe dar. Da diese zweite Hochzeit jedoch aus Liebe geschieht und die Marquise im Anschluss mit dem Grafen ein glückliches Leben führt, passt dieses Ende nicht in die geschlossene Dramenform. Dieser Bruch lässt sich nur durch die kleistische Ironie erklären: Kleist ersetzt die Katastrophe durch ein Happy-End.

Bezieht man die anderen Merkmale einer Novelle auf die Marquise, so lässt sich sagen, dass die Geschichte auf real vorstellbaren Begebenheiten beruht, zumindest auf der zeitgenössischen Realität. Des weiteren enthält die Marquise mehrere Leitmotive und Dingsymbole, wie zum Beispiel das Engel-Teufel-Motiv oder den Schwan. Ein Aspekt, der gegen die Bezeichnung „Novelle“ spricht  ist, dass die Marquise kein Teil eines Novellenzyklus ist, sondern nur als einzelnes Werk existiert. Das Merkmal der lockeren, ungebundenen Sprache ist wiederum in der Marquise aufzufinden und auch das kurze epische Format wird eingehalten.

Insgesamt darf „Die Marquise von O“ also durchaus als Novelle bezeichnet werden, da sie fast alle Merkmale einer Novelle erfüllt. Ausschlaggebend ist jedoch das Hauptkriterium, die Analogie zum Drama, welches man weitestgehend auf die Marquise beziehen kann.

von FeBNSG

Zum Autor

Biographie Heinrich von Kleist

Geboren ist Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist am 10. oder 18. Oktober 177 (genaues Datum unklar) in Frankfurt an der Oder. Bekannt war er als deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Im geringen Alter von 34 Jahren, nahm er sich am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee das Leben.

In der Öffentlichkeit wurde er als ,,Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit“ betitelt, da er nach seinem im April 1795 angefangene Studiums und kurze Zeit später wieder abgebrochenen Studiums den Sinn der Wissenschaft kritisch hinterfragte und den Nutzen in verschiedenen Werken zum Beispiel Rousseaus, Helvetius oder Voltaires nicht mehr sah.

Heinrich v. Kleist war sein ganzes Leben lang hin und her gerissen, zwischen seinem Lebensplan der freien Geistesbildung und den Erwartungen, die seine Mitmenschen, wie sein Vater, welcher 1788 stab oder seiner Verlobten, Wilhelmine von Zenge, welche er 1799 kennenlernte, gerecht zu werden.

Getreut seiner Familientradition trat er 1792 den Militärsdienst an, trotz seiner immer bestehenden Zweifel des Soldatendaseins. Im März 1799 schaffte er es, nach 7 Jahren Dienstzeit, diesen aufzugeben, trotz seiner Gewissheit des zu erwartenden Widerstandes seiner Familie.

Eine weitere Erwartung, welcher er erstmals nachging, stammte von der Familie seiner Verlobten, welche ihn in einem Sitz des Staatsamtes sehen wollte. 1800 begann er somit die Tätigkeit als Volontär im preußischen Wirtschaftsministerium in Berlin. In Sommer und Herbst 1800 wurden erstmals seine dichterische Begabung bekannt, durch Briefe, die er an seine Verlobte schrieb.

Sein innigster Wunsch war es zu dieser Zeit einfach leben zu können, Bauer zu sein, ein Kind zu zeugen und auf dem Land zu wohnen, es war eine Art Fluchtinstinkt, welcher ihn dazu trieb, ihm selber diesen Wunsch zu ermöglichen, trotz der Opfer, die er dadurch brachte aufgrund der Trennung von Wilhelmine, da Sie seinem Drang nicht gerecht worden konnte und sich nicht mit so einem Leben identifizieren konnte.

,,wir können nicht entscheiden, ob das was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist oder es nur so scheint (...) Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr“

schrieb er in einem seiner berühmtesten Briefe an Wilhelmine.

Betreut durch: [FeMNSG KvHNSG]

Kurzbiographie
  • Geboren 18.10.1777 in Frankfurt an der Oder als ältester Sohn des Majors Friedrich von Kleist und Juliane Ulrike
  • ersten Unterricht erhält er von Christian Ernst Martini (Theologe)
  • 1788: Tod des Vaters
  • 1.06.1792: Eintritt in Bataillon des Regiments Garde Nr. 15b
  • 02.02.1793: Tod der Mutter und spätere Verlegung seines Regiments nach Frankfurt am Main
  • 1795: Beförderung zum Portepeefähnrich
  • 1797: Beförderung Sekondeleutnant
  • 1798 Gemeinsam mit einem Regimentskameraden nimmt Kleist Unterricht in Deutsch und Mathematik. Ihr Lehrer ist der Konrektor Johann Heinrich Ludwig Bauer
  • 1799: Kleist erhält erwünschten Abschied aus dem Militär und am 10.04. startet er mit Physik und Mathestudium
  • 1800: Inoffizielle Verlobung mit Frankfurter Generalstochter Wilhelmine von Zenge
  • 1802: Beginn schriftlicher Arbeit in der Schweiz
  • 1803: Kleist bricht zusammen und steht mehrere Monate unter ärztlicher Kontrolle
  • 1805: Kleist wird Diätar (Teilzeitbeamter) an der Domänenkammer in Königsberg und besucht finanz- und staatswissenschaftliche Vorlesungen
  • 1806: Kleists Ausschied aus Staatsdienst und Übernahme von Preußen an Napoleon
  • 1807: Von Januar bis Juni in Französischer Gefangenschaft
  • 1808: Kleist gibt zusammen mit dem Philosophen und Staatstheoretiker Adam Heinrich Müller die Monatsschrift „Phöbus. Ein Journal für die Kunst“ heraus.
  • 1810: Kleist ist ständig in Berlin und gibt die erste Tageszeitung Berlins, die „Berliner Abendblätter“ heraus. Hierbei gibt es Konflikte mit der Zensur.
  • 1811: letzte Ausgabe der „Berliner Abendblätter“. Er unternimmt verzweifelte Versuche zur Existenzsicherung und zum Wiedereintritt in die preußische Armee. Am 21. November nimmt er sich mit Henriette Vogel am Kleinen Wannsee das Leben.[4]

Bearbeitet von [FeMNSG]

Motive der Schriften
  • Streben nach idealem Glück, welches er allerdings nie erreichen konnte
  • Wiedererlangung des paradiesischen Zustands
  • Vaterlandsliebe und Franzosenhass

Aufgrund des Strebens nach Glück und der Idealität und der, für die Romantik typischen Wiedererlangung des Naturzustands, welches Kleist beides nicht erreichen konnte, waren seine Texte meist sehr extrem geschrieben und voller Emotionen, gewaltsamer Bilder, maßloser Gefühlsausbrüche, extremer Situationen, Missachtung schöner Konventionen. Gerade deshalb ist es schwierig, Kleist literaturhistorisch einzuordnen. Das Streben nach dem Naturzustand ist zwar typisch romantisch, jedoch würden ihn andere auch als Vorreiter der Moderne bezeichnen, was mit seiner Extremität zusammenhängt.[5][6]

Kleists Frauenbild

Gesetzt, Du fragtest mich, welcher von zwei Eheleuten, deren jeder seine Pflichten gegen den andern erfüllt, am meisten bei dem früheren Tode des andern verliert; so würde alles, was in meiner Seele vorgeht, ohngefähr in folgender Ordnung aneinander hangen.

Zuerst fragt mein Verstand: was willst Du? das heißt, mein Verstand will den Sinn Deiner Frage begreifen. Dann fragt meine Urteilskraft: worauf kommt es an? das heißt, meine Urteilskraft will den Punkt der Streitigkeit auffinden. Zuletzt fragt meine Vernunft: worauf läuft das hinaus? das heißt, meine Vernunft will aus dem Vorangehenden das Resultat ziehen.

Zuerst stellt sich also mein Verstand den Sinn Deiner Frage deutlich vor, und findet, daß Du Dir zwei Eheleute denkst, deren jeder für den andern tut, was er seiner Natur nach vermag; daß Du also voraussetzest, jeder verliere bei dem Tode des andern etwas, und daß Du endlich eigentlich nur wissen willst, auf wessen Seite das Übergewicht des Verlustes befindlich ist.

Nun stellt sich meine Urteilskraft an die Quelle der Streitigkeit, und fragt: was tut denn eigentlich jeder der beiden Eheleute, seiner Natur nach, für den andern; und wenn sie dieses gefunden hat, so vergleicht sie das, was beide für einander tun, und bestimmt daraus, wer von beiden am meisten für den andern tut. Da findet nun die Urteilskraft zuerst, daß der Mann nicht bloß der Mann seiner Frau, sondern auch noch ein Bürger des Staates, die Frau hingegen nichts als die Frau ihres Mannes ist; daß der Mann nicht bloß Verpflichtungen gegen seine Frau, sondern auch Verpflichtungen gegen sein Vaterland, die Frau hingegen keine andern Verpflichtungen hat, als Verpflichtungen gegen ihren Mann; daß folglich das Glück des Weibes zwar ein wichtiger und unerläßlicher, aber nicht der einzige Gegenstand des Mannes, das Glück des Mannes hingegen der alleinige Gegenstand der Frau ist; daß daher der Mann nicht mit allenseinen Kräften für seine Frau, die Frau hingegen mit ihrer ganzen Seele für den Mann wirkt; daß die Frau, in der Erfüllung der Hauptpflichten ihres Mannes, nichts empfängt, als Schutz gegen Angriffe auf Ehre und Sicherheit, und Unterhalt für die Bedürfnisse ihres Lebens, der Mann hingegen, in der Erfüllung der Hauptpflichten seiner Frau, die ganze Summe seines häuslichen, das heißt überhaupt, alles Glückes von ihr empfängt; daß zuletzt der Mann nicht immer glücklich ist, wenn es die Frau ist, die Frau hingegen immer glücklich ist, wenn der Mann glücklich ist, und daß also das Glück des Mannes eigentlich der Hauptgegenstand des Bestrebens beider Eheleute ist. Aus der Vergleichung dieser Sätze bestimmt nun die Urteilskraft, daß der Mann bei weitem, ja unendlich mehr von seiner Frau empfängt, als die Frau von ihrem Manne.

Nun übernimmt die Vernunft das letzte Geschäft, und zieht aus jenem letzten Satze den natürlichen Schluß, daß derjenige, der am meisten empfängt, auch am meisten verlieren müsse, und daß folglich, da der Mann unendlich mehr empfängt, als die Frau, er auch unendlich mehr bei dem Tode derselben verlieren müsse, als die Frau bei dem Tode ihres Mannes.

Auf diesem Wege wäre ich also durch eine Reihe von Gedanken, deren jeden ich, ehe ich mich an die Ausführung des Ganzen wage, auf einem Nebenblatte aufzuschreiben pflege, auf das verlangte Resultat gekommen und es bleibt mir nun nichts übrig, als die zerstreuten Gedanken in ihrer Verknüpfung von Grund und Folge zu ordnen und dem Aufsatze die Gestalt eines abgerundeten, vollständigen Ganzen zu geben.

Das würde nun ohngefähr auf diese Art am besten geschehen:

»Der Mann ist nicht bloß der Mann seiner Frau, er ist auch ein Bürger des Staates; die Frau hingegen ist nichts, als die Frau ihres Mannes; der Mann hat nicht bloß Verpflichtungen gegen seine Frau, er hat auch Verpflichtungen gegen sein Vaterland; die Frau hingegen hat keine andern Verpflichtungen, als Verpflichtungen gegen ihren Mann; das Glück des Weibes ist zwar ein unerlaßlicher, aber nicht der einzige Gegenstand des Mannes, ihm liegt auch das Glück seiner Landsleute am Herzen; das Glück des Mannes hingegen ist der einzige Gegenstand der Frau; der Mann ist nicht mit allen seinen Kräften für seine Frau tätig, er gehört ihr nicht ganz, nicht ihr allein, denn auch die Welt macht Ansprüche auf ihn und seine Kräfte; die Frau hingegen ist mit ihrer ganzen Seele für ihren Mann tätig, sie gehört niemandem an, als ihrem Manne, und sie gehört ihm ganz an; die Frau endlich, empfängt, wenn der Mann seine Hauptpflichten erfüllt, nichts von ihm, als Schutz gegen Angriff auf Ehre und Sicherheit, und Unterhalt für die Bedürfnisse ihres Lebens, der Mann hingegen empfängt, wenn die Frau ihre Hauptpflichten erfüllt, die ganze Summe seines irdischen Glückes; die Frau ist schon glücklich, wenn es der Mann nur ist, der Mann nicht immer, wenn es die Frau ist, und die Frau muß ihn erst glücklich machen. Der Mann empfängt also unendlich mehr von seiner Frau, als umgekehrt die Frau von ihrem Manne.

Folglich verliert auch der Mann unendlich mehr bei dem Tode seiner Frau, als diese umgekehrt bei dem Tode ihres Mannes. Die Frau verliert nichts als den Schutz gegen Angriffe auf Ehre und Sicherheit, und Unterhalt für die Bedürfnisse ihres Lebens; das erste findet sie in den Gesetzen wieder, oder der Mann hat es ihr in Verwandten, vielleicht in erwachsenen Söhnen hinterlassen; das andere kann sie auch als Hinterlassenschaft von ihrem Manne erhalten haben. Aber wie will die Frau dem Manne hinterlassen, was er bei ihrem Tode verliert? Er verliert die ganze Inbegriff seines irdischen Glückes, ihm ist, mit der Frau, die Quelle alles Glückes versiegt, ihm fehlt alles, wenn ihm eine Frau fehlt, und alles, was die Frau ihm hinterlassen kann, ist das wehmütige Andenken an ein ehemaliges Glück, das seinen Zustand noch um so trauriger macht.«

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Ich füge jetzt hier noch eine Frage bei, die auf ähnlichem Wege aufgelöset werden könnte: Sind die Weiber wohl ganz ohne allen Einfluß auf die Staatsregierung?[7]

Kleists Weltbild / Frauenbild

Die Rollenbilder von Man und Frau nach Kleist sind geprägt von dem zeitgenössischen, dabei jedoch abweichend in dessen resultierenden Folgen für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Die konventionelle Sichtweise zu seiner Zeit besagte, die Frau gehört dem Mann, dient ihm und muss ihn glücklich machen. Die Frau lebt nur für ihren Mann und ist glücklich, wenn ihr Mann es ist. Er bietet ihr Schutz und materielle Sicherheit.

Im Gegensatz dient und gehört der Mann auch dem Staat, bzw. hat bürgerliche Pflichten und Verantwortungen (z.B politischer Natur die Wahlbeteiligung). Er lebt somit auch für den Staat und ist dadurch nicht immer glücklich wenn seine Frau es ist. Er kann aber nur glücklich gemacht werden durch die Frau.

Kleist leitet dabei im Grunde ab, der Mann ist passiv nehmenden Charakters und die Frau aktiv gebend. Sie ist demnach essentiell für sein Glück, die materielle Sicherheit Er bietet ersetzbar.

Den damals nicht währenden Einfluss der Frau auf den Staat stellt Kleist dabei stets infrage. (MaHNSG)

Identitätskrise der Marquise

Nach Freu besteht die Identität (das "Ich") aus dem "Über-Ich" und dem "Es". Für eine gesunde Identität müssen beide ins Gleichgewicht gebracht werden. Das "Über-Ich" ist das Gewissen. Es spiegelt die Werte und Normen der Gesellschaft wieder. Das "Es" ist das Unterbewustsein. Es spiegelt die Triebe des Individuums wieder.

Die Marquise schafft es das "Über-Ich" und das "Es" im Gleichgewicht zu halten. Allerdings ist dieses Gleichgewicht nicht 50/50, sondern es tendiert immer mehr zum "Über-Ich". Allerdings wird das "Es" immer berücksichtigt.

Man kann bei der Marquise über Miniidentitätskrisen sprechen, welche sie gelöst bekommt. (NiLNSG)

  1. https://www.inhaltsangabe.de
  2. H.v.Kleist: Die Marquise von O....
  3. aus: H.v.Kleist: Werke und Briefe, Band 4. Berlin-Weimar: Aufbau-Verlag, 1. Auflage 1978, S. 200.
  4. https://www.heinrich-von-kleist.org/ueber-heinrich-von-kleist/biographie/ Zuletzt aufgerufen: 09.10.2020
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Kleist#Literaturgeschichtliche_Bedeutung Zuletzt aufgerufen: 09.10.2020
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Kleist#Wirkung Zuletzt aufgerufen: 09.10.2020
  7. Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, Frankfurt a. d. Oder, den 30. Mai 1800.