Nelly-Sachs-Gymnasium Neuss/Erzählungen: Lebensentwürfe in der Literatur aus unterschiedlichen historischen Kontexten/Der Sandmann

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E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann (1817)

Inhalt

In der Erzählung „Der Sandmann" wird die Geschichte des Studenten Nathanael erzählt, dessen Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola traumatische Kindheitserinnerungen an den von ihm gefürchteten Advokaten Coppelius weckt. Diesem gibt er die Schuld am Tode seines Vaters, der bei alchemistischen Versuchen mit Coppelius ums Leben kam. Für Nathanael ist Coppelius, den er als Kind mit dem Kinderaugen stehlenden Sandmann des Ammenmärchens identifiziert, ein „Unhold", der ihn und seine Braut Clara zerstören will. Die rational denkende Clara tut Coppelius' ,,feindliche Gewalt" als bloße Projektion Nathanaels ab. Diese Ambiguität wird nie restlos aufgeklärt und die polyperspektivische Erzählstruktur steigert die unheimliche Wirkung. Ein „Perspektiv", das Nathanael Coppola abkauft, führt zu einer grotesken Verkennung der Wirklichkeit: Der Automatenmensch Olimpia erscheint ihm wie ein beseeltes Wesen, Clara hingegen als „Holzpüppchen". Auf die Entdeckung hin, dass Olimpia nur eine leblose Puppe ist, verfällt er dem Wahnsinn. Für den Leser faszinierend konstruiert E.T.A. Hoffmann so eine Mischung von übernatürlichem (Dämonenglaube) und Psychologischem (Verfolgungswahn).[1]

Worterklärungen:

  • Wetterglas: (auch Sturmglas): Wetteranzeiger
  • Advokat: Rechtsanwalt
  • Ammenmärchen: Schauermärchen, die früher die Ammen (einfache Frauen, die die Kinder der edlen Damen aufzogen) ihren Kindern erzählt haben, um sie mit Angst gefügig zu machen.
  • Projektion: (psych.) Übertragung
  • Ambiguität: Doppeldeutigkeit
  • polyperspektivisch: vielseitig, uneindeutig
  • Perspektiv: Fernglas

Figuren

Nathanael
Coppelius
Clara

Erzähltechniken

Das Unheimliche

Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius feierlich. »Auf! – zum Werk«, rief dieser mit heiserer, schnurrender Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel. Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die Flügeltür eines Wandschranks; aber ich sah, daß das, was ich solange dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames Geräte stand umher. Ach Gott! – wie sich nun mein alter Vater zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein gräßlicher krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum häßlichen widerwärtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius ähnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte. Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber ohne Augen – scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen her, Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfaßt und stürzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius, »kleine Bestie! – kleine Bestie!« meckerte er zähnfletschend! – riß mich auf und warf mich auf den Herd, daß die Flamme mein Haar zu sengen begann: »Nun haben wir Augen – Augen – ein schön Paar Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief. »Meister! Meister! laß meinem Nathanael die Augen – laß sie ihm!« Coppelius lachte gellend auf und rief. »Mag denn der Junge die Augen behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit faßte er mich gewaltig, daß die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »'s steht doch überall nicht recht! 's gut so wie es war! – Der Alte hat's verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein – ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich über mich hingebeugt. »Ist der Sandmann noch da?« stammelte ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir keinen Schaden!« – So sprach die Mutter und küßte und herzte den wiedergewonnenen Liebling.[2]


Die sogenannte Alchemisten-Szene (Reclam-Ausgabe, S. 8-10) fungiert als ein gutes Beispiel für das Verschwimmen der beiden Ebenen, der Realität und des Irrealen (Wahnvorstellungen).

Nathanael beobachtet in der Szene, wie sein Vater und Coppelius, welchen er als Sandmann betitelt, am Abend ein Experiment durchführen. Zu Beginn der Szene wird diese durch Nathanael noch sehr realistisch und klar beschrieben (vgl. Z. 1-21), diese Erzählweise verändert sich aber im Laufe der Szene. Mit dem Fortschreiten der Szene nimmt Nathanaels Fantasie immer mehr Einfluss auf seine Wahrnehmung. Diese Entwicklung deutet sich zunächst durch bildhaftere Beschreibungen und Vergleiche an „(…) zum hässlichen widerwärtigen Teufelsbild verzogen zu haben“ (Z. 26-27), bis diese schließlich dann in eine Art von Wahnvorstellungen überschlagen „Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar“ (Z. 32-33).  Der Einfluss der Fantasie auf seine Wahrnehmung wird immer intensiver und stärker im Laufe der Szene „(…) die Gelenke knackten und schraubte mir die Hände ab und die Füße setze sie bald hier, bald dort wieder ein“ (Z. 60-64). Unterbrochen wird diese Entwicklung durch recht klare und realistische Beschreibungen des Fortgangs der Szene (vgl. Z. 37-45 und Z. 70-79), sodass es für den Rezipienten immer schwieriger wird, die Realität vom Irrealen zu unterscheiden (vgl. Z. 45-53).

Auch die Tageszeit, in der sich diese Szene ereignet, ist dabei nicht zufällig gewählt. Die Nacht war ein zentrales Motiv der Romantik und auch Hoffmann bediente sich diesem in seiner Erzählung. Mit der Nacht werden häufig Begriffe wie „mystisch“ und „träumerisch“ assoziiert. In der Nacht träumen die Menschen, das Irreale verschwimmt in den Träumen mit der Realität, und es wird in Träumen das Gefühl erzeugt, diese doch häufig irreale Situation in der Realität durchlebt zu haben. In der Alchemisten-Szene wird der Prozess, welchen die Menschen während des Träumens durchleben, durch das stetige Wechseln der beiden Ebenen für den Rezipienten erzeugt. Auch diesem fällt es durch die Erzählweise, ähnlich wie während des Prozesses des Träumens, zunehmend schwer, die Realität vom Irrealen zu unterscheiden.

Zusammenfassend ist somit zu sagen, dass sich der Einfluss von Nathanaels Fantasie auf seine Wahrnehmung im Laufe der Szene steigert. Durch das stetige Wechseln der beiden Ebenen, der Realität und des Irrealen, verschwimmen diese zunehmend. Das Motiv der Nacht unterstützt dabei die inhaltliche Entwicklung und Erzählweise der Szene. [ChTNSG]

Das Nacht-Motiv


Augen und andere Gläser

Deutungshypothese: Nathanael wird unter anderem durch seine Augen beschrieben und ein Stück weit charakterisiert.

Das Auge hat dabei eine physische Funktion, nämlich zur Wahrnehmung der Außenwelt, und eine psychische Funktion zum Ausdruck der Innenwelt.

Das gilt es im Folgenden zu untersuchen:


Augen Motiv (Nathanael):

  • Er wird weggeschickt, wenn der Sandmann kommt/ er darf ihn nicht sehen; er hat Angst vor dem Sandmann -> macht sich Gedanken; ergänzt seine Vorstellungen vor seinem ,,inneren Auge" (irreales)  
  • Nathanael wird erzählt, dass der Sandmann kommt und ihm Sand in die Augen streut (S.7, Z.19f.) -> er hat Angst seine Sehkraft zu verlieren
  • Augen spiegeln wie sprichwörtlich bekannt, die Seele eines Menschen wieder
  • Er ist von Coppola verstört -> hat gesehen wie sein Vater und er Experimente durchführen
  • Nathanael hat Angst seine Augen zu verlieren (Alchemisten-Szene; S.12); Trauma
  • hat Schwierigkeiten reales und irreales zu unterscheiden -> Fantasiewelt  
  • Er kauft Copolla ein Fernglas ab (S.32); versucht die Realität deutlicher zu erkennen (reales)
  • Das Fernglas verfälscht die Realität nur noch mehr, als er durch das Fernglas glaubt Clara zu sehen, diese aber neben ihm steht (Kleist Zitat)
  • Außerdem trägt er gegenüber Olympia eine Rosarote Brille und erkennt nicht durch seine Augen, dass sie ein Roboter ist. Er fühlt allerdings beim tanzen mit ihr dass sie sich mechanisch anfühlt. Demnach täuschen ihn seine Augen, seine anderen Sinneswahrnehmungen scheinen jedoch noch zu "funktionieren"
  • Physische Funktion: Realität/Irreales ,Bsp. Nathanael : Wahrnehmung ist eingeschränkt/verfälscht
  • Psychische Funktion: Bsp. Nathanael: fantasievolle Innenwelt bildet sich aus durch die Täuschung


Fazit:

Nathanaels Sicht auf die Welt ist durch die Begegnung mit Coppelius stark eingegrenzt. Er halluziniert oft und sieht Coppelius in Situationen, in denen er gar nicht vorkommt. Das Trauma in seiner Kindheit lässt sich durch die Wahrnehmung seiner Augen wieder erkennen. Ihm gelingt es nicht, dass Geschehene zu verarbeiten (ständige Angst vor dem Sandmann, Begegnung mit Copellius, Tod seines Vaters) und verfällt in eine Fantasiewelt in der er irreales und reales nicht unterscheiden kann. Diese Art von Verdrängung ist vermutlich ein Selbstschutz und kann Nathanael "wahnsinnig" wirken lassen. Dadurch kommt es immer wieder dazu, dass Nathanael Dinge verzerrt sieht oder wahrnimmt. Das Fernglas welches er benutzt verschärft das Irreale nur noch deutlicher (Beobachtung Olympia). Es ist demnach nur eine Verstärkung dessen, was er sieht und somit eine Verstärkung der irrealen Dinge, die er wahrnimmt. Somit kann man sagen, dass das Fernglas ein Motiv für die Verstärkung der Unwahrheit und des verrückten ist.

Die Deutungshypothese lässt sich bestätigen, da die Augen von Nathanael eine physische Funktion zur Wahrnehmung besitzen, aber auch seine Erfahrungen der Psyche widerspiegeln, was seine Augen in der Wahrnehmung einschränkt. So bildet sich eine ganz andere Innenwelt für ihn als die Realität vorgibt.

Das Kleist Zitat lässt sich gut auf das Perspektiv übertragen, da der Blick durch grüne Gläser sowie durch das Fernglas die Wahrnehmung/ Perspektive verändern. Ebenso gehören weder das Fernglas noch Gläser zum menschlichen Auge.


[FeMNSG,LeSNSG, AnnSNSG, IDAbiNSG]


Clara:

Clara ist eine Figur der Erzählung „Der Sandmann“, welche von E.T.A Hoffmann verfasst wurde. Im Folgenden wird das Augenmotiv in Bezug auf die Figur der Clara thematisiert. Clara ist eine reale Figur der Erzählung. Ihre Augen werden durch Nathanael, den Protagonisten der Erzählung, als hell beschrieben (vgl. S.5), sie bringt, um in der Metaphorik zu sprechen,  für ihn „Licht ins dunkle“. Auch der von Nathanael angeführten Vergleiche von Claras Augen mit einem See und einem „wolkenlosen Himmel“ (vgl. S. 23 Z. 6-9) unterstützten diese Funktion, da dadurch zum einen das beruhigende und natürliche der Figur der Clara unterstrichen wird und zum anderen der wolkenlose und klare Himmel hier die Klarheit darstellt, welche Clara widerspeigelt. 

Durch Nathanaels Beschreibung von Claras Augen wird so zum einen ihre Funktion für seine Figur als sein Ruhepuls deutlich und zum andere die Figur der Clara in groben Zügen charakterisiert („klar“, „hellsichtig“, „vernünftig“). Erkennbar ist Claras Funktion als Ruhepuls Nathanaels daran, dass es Clara gelingt Nathanael in die Realität zurück zu hohlen (vgl. S. 25+26) und sobald die beiden nicht beisammen sind, die Fantasie wieder einen gesteigerten Einfluss auf seine Wahrnehmung und sein Denken nimmt.

Ausfällig ist aber auch die dauerhafte Beschreibung von Claras Augen als Kinderaugen (vgl. S.18, Z.9/ S.23, Z.27). Eine plausible Erklärung dafür wäre, dass Nathanael in den positiven Erinnerungen mit Clara einen Ersatz für die negativen Erinnerungen in seiner Kindheit sieht, da ihm diese durch den Sandmann genommen wurden. Auch die zwischenzeitliche Verbindung Nathanaels von Claras Augen mit dem Tod (vgl. S. 26 z. 36 ff.) , kann hier als ein frühzeitiges Indiz dafür fungieren, dass Clara bezüglich Nathanaels Tod im späteren Verlauf der Erzählung eine wichtige Rolle spielt.

Die Funktion der Figur Clara bzw. die Beziehung zwischen ihr und Nathanael kann auch mit dem Struktur-Model der Psyche von dem Tiefenpsychologen Sigmund Freud in Verbindung gesetzt werden. Wie unteranderem durch die Beschreibung von Claras Augen deutlich wird, spiegelt sie das Über-Ich wider und Nathanael das Es. Sobald diese gemeinsam sind handelt Nathanael nach dem Grundgedanken des Ichs (vgl.S.27-28, Zweikampf zwischen Nathanael und Lothar).

Das Kleist-Zitat, welches eine Verzerrung der Umwelt durch nicht genauer definierte Gläser beschreibt, lässt sich ebenfalls indirekt auf die Funktion der Figur der Clara anwenden. Sobald Nathanael durch das Perspektiv schaut, verzerrt sich seine Wahrnehmung auf die Realität und Clara gelingt es nicht mehr ihn in die Realität „zurück zu holen“.

Zusammenfassend ist somit zu sagen, dass Claras Augen den Übergang zwischen irrealen und realen Situationen darstellen. Durch die Beschreibung von Claras Augen wird ihre Funktion für die Erzählung und ihre groben Charaktereigenschaften deutlich. Clara fungiert so als Ruhepuls Nathanaels und schafft es ihn wieder in die Realität zurückzubringen. Durch eine Trennung der beiden Figuren oder durch ein Perspektiv (Kleist-Zitat) wird diese Funktion der Figur der Clara allerdings unterdrückt. Die Persönlichkeitsinstanzen nach Sigmund Freud lassen sich ebenfalls auf die beiden Figuren anwenden, indem Clara Nathanael aus seinem Es, das ihn triebgesteuert handeln lässt, in das ich holt, wodurch ermöglicht wird, dass er wieder realitätsgetreue Handlungsentscheidungen trifft.   

(Benutzer:ChTNSG Benutzer:ZoPNSG Benutzer:ElDNSG Benutzer:JeKNSG)

Coppelius :

Deutungshypothese: Alle Figuren, die in der Novelle eingeführt werden, werden unter anderem immer durch ihre Augen beschrieben und ein Stück weit charakterisiert

  • Coppelius Augen werden beschrieben als „buschige graue Augenbrauen, unter denen ein paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln“ (vgl. S.9) -->hier lässt sich sagen, dass die Augen für Gefährlichkeit und Hinterhältigkeit stehen
  • Beispiel: „Der verhasste abscheuliche Coppelius stand vor mir mit funkelnden Augen und lachte mich hämisch an“ (vgl. S.13f.)
  • „Er war anders gekleidet, aber Coppelius Figur und Gesichtszüge sind zu tief nur in mein Innerstes eingeprägt“ (S.14) —> Die Augen sind ein Bestandteil der Gesichtszüge und laut Nathanael sind diese bei Coppelius und Coppala die selben, die Augen spiegeln hier den zentralen Wiedererkennungswert wieder
  • „die kleinen Augen unter den grauen, langen Wimpern stechend hervorfunkelten“ (S.32)

—> das Funkeln in den Augen als Wiedererkennungswert bei Coppla und Coppelius, zudem ist auch die Farbe der Wimpern bzw. Augenbrauen gleich, nämlich grau

  • Sowohl Coppelius (real) als auch Coppla (real) hängen motivisch zusammen, da sich durch Nathanaels Äußerungen vermuten lässt, dass es die gleiche Person ist.
  • als Coppla, der Wetterglasverkäufer seine Brillen auf den Tisch legt begannen sie „seltsam zu flimmern und zu funkeln“ —> wieder das Funkeln, möglicherweise ist das Funkeln aus Copelius bzw. Copplas Augen in den Brillen und Fernrohren enthalten, und als Nathanael durch das Fernglas blickt, so wird das Funkeln vielleicht auf ihn übertragen. Das Funkeln könnte für den Wahnsinn stehen, denn erst nachdem Nathanael durch dieses Fernglas geguckt hat, entwickelt er sein Interesse an Olympia hat und Beginnt in gewisser Weise „Irre“ bzw. „wahnsinnig“ zu werden.



Fazit: Zusammenfassend kann man sagen, dass sowohl Coppelius, als auch Coppla mit durch ihre Augen charakterisiert werden. Das Markante und der Wiedererkennungswert ist das stechende Funkeln in den Augen, durch das Nathanael die beiden auch als die gleiche Person identifiziert. Die physische Funktion ist hier die Hinterhältigkeit und Bösartigkeit, aber ebenso ist es die psychische Funktion. [EmVNSG]


Fazit zur Deutungshypothese:

Die Augen stellen ein Motiv im Sandmann dar, ähnlich zum Nachtmotiv.

Bei allen Figuren werden die Augen beschrieben, sie alle haben eine physische Funktion des Sehens und können psychisch gedeutet werden als Ausdruck ihrer inneren Verfassung oder ihres Charakters. Sie alle Augen wirken auf Nathanael unterschiedlich: Coppelius' Augen hauptsächlich bedrohlich, Claras ambivalent in ihrer Funktion als Bindeglied zwischen Realität und Irrealem.

Anders ist es bei Olympias Augen: Weil Olimpia eine Puppe ist, haben ihre Augen keine physische Funktion. Sie spiegeln allerdings Nathanaels Wahrnehmung und seine "ganze Seele" wider.

Die physische Funktion von Nathanaels Augen ist in hohem Maße abhängig von dem Objekt, welches er wahrnimmt: Seine Augen versagen schon sehr früh vor der Automatenfigur Olimpia, die er als lebendiges Ideal einer Frau wahrnimmt. Sein Blick auf Clara hängt von seiner jeweiligen psychischen Verfassung und ihrem Verständnis ihm gegenüber ab, wohingegen seine Wahrnehmung des Coppelius durchgängig negativ ist.


Bezug zum Zitat von Heinrich von Kleist:

"Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört."[3]

1) In Bezug zum Kleist-Zitat über die „Augen als grüne Gläser“ kann man sagen, dass in beiden Fällen von einer Beeinflussung der Wahrnehmung gesprochen wird. Durch die Nutzung des Fernglases verändert sich der Eindruck der Augen von Olympia ins Menschliche. In dem bereits analysierten Zitat von Kleist war Konsens, dass die grünen Gläser die Wahrnehmung fälschen, da man eben mit einem Glas sieht, statt der Augen. Die Augen tragen dann nicht mehr die Verantwortung der Sehfähigkeit. Die grünen Gläser, welche alles einheitlich in einer Farbe zeigt, haben zur Folge, dass man selbstständig für sich entscheiden muss, wie man etwas wahrnimmt, und wie es auf eine wirkt.

Als Gemeinsamkeit kann man sagen, dass in beiden Fällen undeutlich bleibt, welches tatsächlich der wahren Gegebenheit entspricht. Es ist der betroffenen Person überlassen, aus welcher Sicht er die Situation wahrnimmt und interpretiert. Es handelt sich in beiden Fällen um eine individuelle Wahrnehmung. [AyhBNSG]

2) Das Motiv der Augen ist mit dem Kleist-Zitat der „grünen Gläser, statt der Augen“ zu vergleichen, das Perspektiv/Fernglas verzerrt, verstärkt hier deutlich die Wahrnehmung Nathanaels, z.B. wodurch er Olimpia plötzlich als lebendig und schön bezeichnet, wobei er zuvor kein Interesse (ohne Sicht durch das Fernglas auf sie) an ihr hatte.

Bei Kleist sind die grünen Gläser ebenso der Auslöser dafür, dass sich die Wahrnehmung verzerrt und verändert, somit sind die grünen Gläser mit dem Perspektiv gleichzusetzen und erfüllen dieselbe Funktion.

3) Das Kleist Zitat lässt sich insofern auf das Perspektiv übertragen, als dass der Blick durch grüne Gläser sowie durch das Fernglas die Wahrnehmung/ Perspektive verändern. Ebenso gehören weder das Fernglas noch Gläser zum menschlichen Auge.

Ein Unterschied zwischen Kleist und Hoffmann besteht darin, dass Hoffmanns Nathanael das Perspektiv bewusst einsetzt, Kleist aber von einer unbewussten Alternative zum sehenden Auge spricht.


Zum Autor


Biografie E.T.A Hoffmann:

·      1776 in Königsberg geboren, Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann

·      Alkohol zur Anregung der Phantasie, trank bis Geister und Gesichter vor seine Augen traten, schrieb wenn er nüchtern war

·      „Rest“ der irrealen Alptraum Welt Hoffmanns bricht in seinen Werken jedoch durch

·      wächst in zerrütten Verhältnissen auf, Vater Alkoholiker, Mutter hysterisch, Eltern 4 Jahre nach seiner Geburt getrennt, sein Bruder Vater zugesprochen, er selbst der Mutter

·      wohnten zusammen mit Großmutter in Haus, aus dessen obersten Stockwerk Hoffmann Schreie einer Wahnsinnigen hörte

·      lebenslange Freundschaft zu Theodor Hippels

·      sein Onkel Johann Ludwig Dörffer, bei dem er zwischenzeitlich auch wohnte, verkörpert für Hoffmann einen Ruhepol, sein Onkel war Jurist, also steif, nüchtern, klar, rational

·      erst mit Cousine Minna verlobt, dann heiratete er Maria Thekla Rorer-Trzynska, später liebte er seine eigene Musikschülerin Julia Marc

·      zeichnete Karikaturen, spöttisch, macht sich über die Gesellschaft lustig

·      beschäftigt sich mit Theorien zum Wahnsinn

·      Syphillis bei Geliebten zugezogen

·      Schrieb „Elexiere des Teufels“

E.T.A. Hoffmann und Heinrich v. Kleist im Vergleich

Gemeinsamkeiten der Biografien Hoffmanns und Kleists: ständig wechselnde Wohnsitze, viele Höhen und Tiefen im Leben (bei Hoffmann z.B. auf der einen Seite: Strafversetzung, bittere Armut, enttäuschende Liebe, Geschlechtskrankheit, später schwer krank auf der anderen Seite: bestandenes Assesor-Examen, gab Musikunterricht, verfasste erfolgreiche Werke, bei Kleist z.B. auf der einen Seite: wurde von französischen Behörden als vermeintlicher Spion festgenommen und in ein französisches Gefangenenlager verfrachtet, seine „Abendblätter“ wurden aufgrund von Zensurrichtlinien eingestellt, geistige Krisensituationen, als er 11 Jahre alt war starb sein Vater, zum Schluss Selbstmord und Mord an seiner Geliebten, auf der anderen Seite: in guten Verhältnissen aufgewachsen, Adelsfamilie, verfasste heute noch bekannte Werke wie „Michael Koolhaas“), eine andere Gemeinsamkeit ist das Handeln und scheitern der Protagonisten in der Realität in Werken Hoffmanns und Kleists (in „Sandmann“ Nathanael, in der „Marquise von O“ die Marquise)

Unterschiede der Biografien Hoffmanns und Kleists: Hoffmann wächst in zerrütten Verhältnissen auf, Kleist in vorerst heilen Verhältnissen, Hoffmanns Werk „Sandmann“ ist der Romantik zuzuordnen (das „Unheimliche“, das  „Extreme“, Realität und Irrealität verschwimmen und sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden, Wahnsinnsanfälle Nathanaels), Kleists Werk „Marquise von O“ ist der Romantik, aber auch der Aufklärung zuzuordnen: romantisch, da Gefühle den Menschen sprachlos machen (Erröten, Ohnmacht, Themen der Romantik wie Schwan-Motiv, Krieg anstatt Naturbilder), aufklärerisch, da Szenen oder Aspekte ungeklärt bleiben/offen bleiben, wodurch der Leser zum aufklärerischen Selbstdenken angeregt wird, außerdem aufklärerische Züge bei Charakteren: Zeitungsannonce.

Kleist, sowie auch Hoffmann haben beide einige Aspekte ihres eigenen Lebens in die Werke miteinfließen lassen. Kleists emanzipierte Charakterzüge spiegeln sich in der Figur der Marquise wider. Kleist wächst in einer adeligen Familie auf, wodurch an ihn bestimmte Erwartungen gestellt werden, zum Einen von seiner eigenen Familie und deren gesellschaftlichen Werten und Normen, denen er gerecht werden sollte und zum Anderen den Erwartungen der Eltern seiner Verlobten. Dem Vorbild seines Vaters zufolge, trat Kleist ebenfalls dem Militärdienst bei, bei dem er trotz seinen Zweifeln am Soldatensein am Feldzug 1796 gegen Frankreich teilnahm. 1799 verließ KIeist allerdings den Militärdienst und stellte sich somit gegen die Werte und Normen seiner Familie. Hier zeigt sich sein emanzipierter Charakter, der sich auch bei der Figur der Marquise widerspiegelt, die sich ebenso gegen die Werte und Normen der Familie und gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse stellt (Beispiel für ihre Emanzipation: Zeitungsannonce). Zudem lässt sich sagen, dass Kleist sein eigenes Leben auch insofern in sein Werk einbaut, da auch im Werk Kriegsverhältnisse herrschen. Die damalige Ständegesellschaft, in der er selbst integriert ist, da er in einer Adelsfamilie aufwächst, ist in seinem Werk ebenso wiederzufinden (Graf von F, Obrist, Kommandant). Kleist ragt durch das Extreme in seinen Werken heraus, durch die Darstellung von menschlichen Bindungen und ihrem Scheitern. Ein Beispiel, wo er dies in der „Marquise von O“ umsetzt, ist das Engel-Teufel Motiv, der zuvor gedachte Retter (Graf von F) der Marquise, entblößt sich als Täter einer möglichen Vergewaltigung, wodurch sich das Weltbild der Marquise vom Grafen, von jetzt auf gleich drastisch ändert. Hier spiegelt sich die extreme Art Kleists in seinem Werk wider, sowie auch die extreme Darstellung menschlicher Bindungen. In Kleists Leben ist ein Beispiel für eine solche menschliche Bindung und ihrem Scheitern die Bindung von ihm zu seinem Vater, welcher als Kleist 11 Jahre alt ist, stirbt. Somit ist dies eine Darstellung extremer menschlicher Bindung und ihrem Scheitern.

Auch Hoffmann setzt einige Aspekte seines Lebens in seinem Werk „Sandmann“ um. Er wächst in zerrütteten Familienverhältnissen auf, sein Vater ist Alkoholiker und seine Mutter ist hysterisch. Hysterische Menschen, haben ihre Emotionen nicht unter Kontrolle, sie reagieren oft über. Hysterie ist zudem eine Form der Persönlichkeitsstörung (heute, sowie auch damals). Diese Persönlichkeitsstörung seiner Mutter baut Hoffmann in den Protagonisten Nathanael ein, welche unvermeidlich an Situationen wie der Schlussszene zu erkennen ist, bei der er seine eigentlich geliebte Clara versucht vom Turm zu stürzen. Dadurch, dass sein Vater Alkoholiker ist und Kleist noch klein ist, kann er die ständigen Zustandswechsel des Vaters (nüchtern/betrunken) nicht zuordnen. Zudem kriegt Hoffmann dafür als kleiner Junge keine Erklärung, im Gegenteil, seine hysterische Mutter verstärkt sein unerklärliches Weltbild und sein „Kindheitstrauma“ durch ihr Verhalten. Dieser Aspekt ist in seinem Werk auf das Ammenmärchen zu beziehen, bei dem es die Amme ist, die Nathanaels ohnehin schon „böses“ Bild durch ihre Version vom Sandmann verstärkt, bei der der Sandmann den Kindern die Augen herausreißt. Hoffmann trinkt Alkohol, um seine Fantasie anzuregen. Er schreibt erst, wenn er wieder nüchtern ist, jedoch bricht ein Rest des Irrealen, des Unheimlichen seiner Alptraum Welt, die er nur vor Augen hat, wenn er getrunken hat, in seinem Werk durch. Es ist also der Alkohol (Drogen) der sein Unterbewusstsein aus sich herausholt. Hoffmann ist fasziniert von anderen oder verschiedenen Wahrnehmungsformen, weshalb er Alkohol verwendet hat, um seine Wahrnehmung zu verzerren. Diese Faszination anderer Wahrnehmungsformen baut Hoffmann auch in sein Werk ein. In seinem Werk ist es das Perspektiv, dass die Wahrnehmung von Nathanael drastisch verzerrt, sodass er nicht mehr zwischen Realität und Fantasie unterscheiden kann. Des weiteren stellt Hoffmanns Onkel in gewisser Weise einen Ruhepol für ihn dar. Sein Onkel ist Jurist, durch seine nüchterne, klare, rationale Art ist er also wie ein Ruhepol für Hoffmann. Dies lässt sich mit der Figur Clara im Werk vergleichen, welche ebenso einen Ruhepol für Nathanael in gewisser Weise ist, auch sie hat eine sehr klare, rationale, aufklärerische Art, welche einen positiven Einfluss auf Nathanael hat. Hinzu kommt, dass Hoffmann seine Musikschülerin Julia Marc heftig geliebt hat, welche aber zu einer Enttäuschung für Hoffmann führt. In Hoffmanns Werk ist es Nathanaels Liebe zu Olimpia, die zu einer Enttäuschung führt, als er erfährt, dass sie eine Puppe ist. In beiden Fällen ist es also eine unerfüllte Liebe. Außerdem fängt sich Hoffmann bei seiner Geliebten die Geschlechtskrankheit „Syphillis“ ein. Es ist zu deuten, dass man durch die spätere Wirkung der Bakterien der Geschlechtskrankheit wahnsinnig werden kann, bzw. es sich auf den Geisteszustand auswirkt, da man damals kaum Möglichkeiten hatte, diese Geschlechtskrankheit zu bekämpfen. Auch hier spiegelt sich der Wahnsinn wider, der in seinem Werk häufig auftaucht. Ein weiterer möglicher Bezug zwischen Hoffmanns Biografie und seinem Werk „Sandmann“ ist, dass Hoffmann unteranderem das Werk „Elexiere des Teufels“ veröffentlichte. Der Name dieses Werkes ist auf die Alchemisten-szene anzuwenden, bei dem Coppelius mit chemischen Substanzen experimentiert. Hier könnte man deuten, dass Elexier eine chemische Substanz der Alchemistischen Versuche ist und der Teufel Coppelius in dem Werk „Sandmann“ ist.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass beide Autoren Kleist und Hoffmann autobiografisch arbeiten, jedoch arbeitet Hoffmann meiner Meinung nach deutlich stärker autobiografisch, was sich anhand der zuvor genannten Beispiele bestätigen lässt. Hoffmann schafft quasi aus seinem eigenen Leben ein eigenes Werk („Der Sandmann“). Er baut in sein Werk den Einbruch des Fremden, den Wahnsinn in die Realität und die Tiefe des menschlichen Unterbewussten ein. Diese Aspekte lassen sich direkt auf seine eigene Person und sein eigenes Leben beziehen, weshalb ich finde, dass Hoffmann autobiografisch stärker als Kleist gearbeitet hat. (FiKNSG)

  1. Deutsch betrifft uns 6/2001, S. 1.
  2. E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. Stuttgart: Reclam 2000, S. 8-10.
  3. aus: H.v.Kleist: Werke und Briefe, Band 4. Berlin-Weimar: Aufbau-Verlag, 1. Auflage 1978, S. 200.